1906. Wir haben dieses Jahr herausgegriffen, weil es bezeichnend ist für die damalige Zeit. Es bestand bereits die Stadthalle, die von den vielen Vereinen in Anspruch genommen wurde und in der auch die städtischen Maskenbälle stattfanden. Daneben boten Harmonie und Prinz Max einige Säle. Außerdem gab es auch in anderen Lokalen so viele Veranstaltungen - kleiner und großer Rummel, dass man um Mitte Januar in den Zeitungen eine Anzeige des Militärvereins lesen konnte, er müsse seine auf den 20. Januar 1906 einberufene Hauptversammlung später abhalten, weil er kein geeignetes Lokal bekommen konnte. Im Februar veranstaltete er dann allerdings, gleich vielen anderen Vereinen, wie Marineverein, Turnvereine, Gesangsvereine, Stammtischgesellschaft Habereckl, Sparverein Saxonia, Württembergia und der Verein bayerischer Staatsangehöriger, seinen Maskenball. Die größeren Vereine hatten meist sogar mehrere solcher Veranstaltungen vom Kappenabend mit oder ohne Damen und dem Büttenabend bis zum Maskenball, der womöglich noch unter einem besonderen Motto stand. Selbstverständlich hatten auch die drei Bürger­gesellschaften ihre Maskenbälle oder sonstigen karnevalistischen Feste: Die Museumsgesellschaft im eigenen Haus am Universitätsplatz - später Neues Kollegienhaus -, die Harmoniegesellschaft im Haus an der Theaterstraße und nicht zuletzt das einst sehr lebhaft wirkende Bürger-Casino mit dem ihm gehörenden "Prinz Max" an der Marstallstraße. Der "Zwinger" an der Zwingerstraße war zu jener Zeit das Tanzlokal der unteren Zehntausend und die Festhalle der Altstadt. Hier ist auch der damals sehr populäre Fasnachtsschlager: "Sie trug ein blaukariertes Kleid" entstanden.

Der Heidelberger Fastnachtszug 1906 durch die Hauptstrasse

Mancher Verein tagte auch im Hotel "Adler", das heute nicht mehr besteht, kleine und feine Feste hatte der "Prinz Carl", besonders im Zusammenhang mit den Korps. Drei weitere größere Lokale, die heute verschwunden sind, hatten ihren eigenen Rummel: das Hotel Metropol in der Anlage, das Cafe Imperial und das altberühmte Cafe Haeberlein. Es wurden vor allem Walzer, Rheinländer, Polonaise, Polkas und Mazurkas ge­tanzt, bei feinen Maskenbällen auch wohl noch die Francaise, die in verschiedenen Formen getanzt wurde. Die "Fröhlichen Pfälzer" hielten zu jener Zeit unter ihrem Präsidenten Aloys Veth und G. J. Dietrich ihre Prunksitzungen im Schroedls-Bierkeller und in der Brauerei Ziegler ab. Während die "Neuenheimer" im Kaiserhof oder Kyffhäuser und auch in der alten Krone mit ihrem Präsidenten Jakob Weber und S. Schmieg ihre Sitzungen abhielten. Der Fasnachts­umzug im Jahre 1906 der von den beiden Karnevalsgesellschaften gemeinsam ausgestattet wurde, war nach Zeitungsberichten zu schließen, sehr groß, interessant und ansehnlich mit seinen vielen Wagen und Gruppen.

In der Hauptstraße war nach den Berichten ein fast unheimliches Gewoge und Gedränge. Um jene Zeit spielte auch gelegentlich der Studentenulk noch eine Rolle, obgleich er als fast schon ausgestorben bezeichnet wurde. Aber die Rhenoplaten hatten doch damals einen großen Erfolg mit dem pompös aufgemachten feierlichen Einzug des geflüchteten marokka­nischen Thronprätendenten. Nicht unerwähnt darf in diesem Zusammenhang bleiben, daß die "Fröhlichen Pfälzer" nicht nur in der Karnevalszeit, sondern auch im Sommer mit ihren großen Insel-Festen sehr aktiv waren.

Mit drei Bierhallen, zwei Weinhallen und einer Sektbude wurde die Neckarwörthinsel belegt. Dazu kamen noch ein Orientalisches Cafe, Fischbraterei, Rostbraterei, Schieß-Salons, Kinematographen, Rutschbahnen, Hunderennen von vier verschiedenen Klassen, für die Kinder nachmittags allerhand Jux­spiele, Karussells und Kletterbäume. Den Abschluss bildete Montag abends die Italienische Nacht mit großem Feuerwerk.

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