Samstag, 20 Februar 2016 09:00

Na dann, prost!

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Zeitungsartikel vom 20. Februar 2016 Zeitungsartikel vom 20. Februar 2016 Rhein-Neckar-Zeitung

Meisterwerke-Serie (91): Das Große Fass als Symbol pfälzischer Lebensfreude

Was war das für ein Gesöff, von dem Perkeo angeblich 20 Liter pro Tag trinken konnte? Das ist schon mitWasser schwierig und zählt zu den vielen Legenden, die um den kleinwüchsigen Kerl ranken. Der trinkfreudige Hofnarr aus Tirol, der sich für die verbalen Giftspritzen seiner Mitmenschen mit einem Fuchsschwanz, der einem aus einem Hölzkästchen entgegenspringt und erschreckt, revanchierte, hatte es in Heidelberg zum Mundschenk und Hofmeister gebracht. Er gehörte zu den Künstlern, die Kurfürst Karl Philipp aus Innsbruck mitgebracht hatte, als er 1718 das ramponierte Heidelberger Schloss bezog. Bald zog er weiter in die neu erbaute Mannheimer Residenz.

Karl Philipp war Vormund von Carl Theodor, dem wir das jüngste einer ganzen Reihe voluminöser Holzfässer verdanken. Darauf weisen seine Initialen am prächtigsten und größten Fass in der Geschichte des Heidelberger Schlosses hin. 1751 ließ er es bauen, 1752 wurde es erstmals befüllt. Fassungsvermögen: 221 726 Liter Wein. Wie genießbar dieser Verschnitt war, darüber können Weinkenner noch heute diskutieren. Gut zu lagern war er jedenfalls nicht, denn es tropfte nur so aus dem 8,50 Meter langen und knapp sieben Meter hohen Fass, für das 90 Eichen zwischen Schönau und Kaiserslautern gefällt werden mussten. Nur dreimal ist das Fass zwischen 1752 und 1767 befüllt worden, und hätte sich der Zeichner und Denkmalschützer Charles de Graimberg später nicht so liebevoll für die Schlossruine und das Fass eingesetzt, würden jetzt keine Millionen Touristen Jahr für Jahr die Treppen zum Tanzboden auf dem Großen Fass hinaufsteigen und sich vorstellen, wie dort einst der kurpfälzischen Lebensfreude gefrönt wurde.

Kurfürstliche Herrschaft sollte das Große Fass schon demonstrieren, seit der Pfalzgraf Johann Casimir nach dem Tod Ludwigs VI. 1583 die Geschicke der Kurpfalz lenkte, weil Thronfolger Friedrich damals erst neun Jahre alt war. Er gab den dreistöckigen Fassanbau in Auftrag. Friedrich IV. vollendete das Werk, in dessen Saalgeschoss für die Zeit noch untypische Spitzbogenfenster eingebaut wurden. Über eine Bogenöffnung gab es eine Verbindung zum Königssaal, so dass das Personal den Wein durch die Öffnung über den Boden aus dem darunterliegenden Fass hochpumpen und die Gäste direkt bedienen konnte. Jedoch: Dieser Wein muss ungenießbar gewesen sein. Denn neben seinem repräsentativen Charakter war das große, damals „nur“ 130 000 Liter fassende Gefäß die Sammelstation für den Zehntwein, den die pfälzischen Weinbauern als neu eingeführte Naturalabgabe zum Schloss bringen mussten. Ob Wasser oder wirklich Wein, alles wurde hineingekippt. Vier Fässer später (1664 und 1728 wurden nach Kriegen und Bränden wiederum größere gezimmert), also zur Zeit Carl Theodors, lehnten die Fron- und Steuerpflichtigen den beschwerlichen Weg hoch zum Schloss ab. Die Quelle aus dem Großen Fass versiegte, stattdessen breitete sich darin der „braune Kellerschwamm“ aus. Doch diesem gefährlichen Trockenpilz haben bereits in den 1960er Jahren Experten aufwändig den Nährboden entzogen, das Fass ist jetzt trocken und stabil.

Der Fassanbau wurde übrigens sehr geschickt gelüftet, so dass niemand durch das Einatmen von Alkohol- und Kohlendioxiddämpfen (als Folge des Gärprozesses) eine Alkoholvergiftung bekommen konnte. In der Nord- und Ostwand des Fassanbaus ist jeweils eine Öffnung durch die Mauer gebrochen, die außen im Maul auf Konsolen ruhender Löwen aus Sandstein mündet. Eine schon damals elegante Lösung. Der typische Weingeruch wabert einem aber auch heute noch entgegen, wenn wieder einmal ein Festival wie zum Beispiel „Enjoy Jazz“ das Schloss und dessen Fasskeller für sich entdeckt. DerWein zum Jazz kommt aber mittlerweile ausschließlich aus Flaschen, geschmackvoll wie die Musik.

Letzte Änderung am Sonntag, 06 März 2016 15:34

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