Stadthalle vor 90 Jahren
Prunk-und Fremdensitzung
Perkeo Karl Klebes als Sitzungspräsident
Der erhaltene Bericht über diese Veranstaltung
Große Fremdensitzung in der Stadthalle
Eine stark besuchte und feucht-fröhliche Versammlung
Der Ruf Perkeos zur Fremdensitzung am gestrigen Abend hatte vollen Erfolg, denn der große Stadthallensaal war stark besetzt, als der hohe Zwerg, der Elferrat mit dem Narrenhansel erschienen, geleitet von ihrer Schutzwache und den Pagen. Mit fröhlichem „Ahoi“ begrüßten die Pagen die Heidelberger.
Kaum hatte dann Perkeo eine kurze Begrüßungsansprache an seine versammelten Völker gerichtet, da erschien auch schon als erste der alten Heidelberger Gestalten, im Schmuck seiner bunten Uniform und eines mächtigen Schnurrbarts, der letzte Stadtkanonier, der „Eulenförster“. Sein Kanönchen zog er auf zwei Rädern hinter sich her, um dann auf dem Podium, nachdem er befohlen hatte, dass alles auf sein Kommando höre, Salut zu schießen.
Er wurde abgelöst vom ersten Büttenredner Karl Dietrich, der unter dem Motto „Ehret die Männer, sie schaffen und streben“ in lustigen Versen, die halb hochdeutsch, halb heidelbergerisch herauspurzelten, ein Loblied auf die Männer sang, die sich „mannichmol die Knöpp selwer an die Hosse nähe“.
Ihm folgte die launige Ansprache des Stadtvertreters Meineke. Er meinte, die Stadt habe zwar große Pläne, aber wenig Geld im Sack. Eigentlich habe er über alle diese Absichten aus der Schule plaudern wollen, aber da in diesem Augenblick gerade der Chef (der Oberbürgermeister) komme, könne er es nicht mehr. Er bedaure, eine solche Enttäuschung bereiten zu müssen (was ein Zuhörer mit dem Zwischenruf quittierte: „Des sin mer gewöhnt!“). Aber man solle es sich überlegen, ob man nicht im nächsten Jahr einmal die lebenden Heidelberger Originale hier aufs Podium stellen wolle, die dann ihre Kopien persönlich anstaunen könnten.
Perkeo (Klebes) lud nun Oberbürgermeister Dr. Neinhaus auf das Podium, um ihm dort einen Ehrentrunk zu reichen. Es erscholl zwar von irgendwoher die Aufforderung: „Tu auch was redde!“, aber das Stadtoberhaupt reagierte nicht darauf.
Anschließend kam mit eigenem „Lautsprecher“-Metrophon die Stadtbaas (Frau Lehr), um einige Heidelberger Dinge durch den Kakao zu ziehen: die teure Straßenbahn, den Neckar als Moorbad (man muss nach dem Bad zu Haus „sein Gestell“ wieder sauber waschen) und die Kanalstaustufen des Neckars, der jetzt entkanalisiert werden soll, weil die Schwaben die Wehre und Schleusen an anderer Stelle aufbauen wollen, um endlich direkten Anschluss ans Weltmeer zu bekommen.
Sehr lustig und fein war das Erscheinen der Bergkapelle, deren drei Mitglieder als Wachsfiguren hereingetragen und vom Hansele (Kastner) allmählich zum Leben erweckt wurden. Dann spielten sie, die man von der SS-Kapelle her kennt, in fröhlichem Schrumm-Schrumm und Dideldum einige kurze Musikstücke, wobei sie zwischendurch mit Rotwein durch einen Trichter geölt werden mussten.
Erstaunlich echt und witzig kam der Binsbu „geloffe“. Er erzählte in bestem Pfälzisch von der Walz durch Deutschland und wusste auch glänzend Sächsisch, Frankfortisch und Schwäbisch zu babble.
Die vorher so gelobten Männer wurden jetzt von zwei Waschweibern (Frau Lehr und Frau Dietsch) in ihrem „wahren Wert“ erklärt, wobei sich natürlich herausstellte, dass sie überhaupt keinen Wert haben. Dann erläuterte Karl Dietrich witzig und schlagend Heidelberger Redensarten. Man erfuhr, wann es mit Recht heißt:
„Die hott en krie’t mit ’m nasse Lappe“,
„Dem hawe se was in de Kaffee nei“,
„Er is aus em Kinnerwage uff sei Wersching g’falle“,
„Geh heim, die Flöh und Wanze warte“.
Bei all diesen lustigen (manchmal auch reichlich derben) Sachen erscholl fröhliches Lachen, und nach einer kurzen Pause erschienen dann die Sehenswürdigkeiten der Heidelberger Fastnacht noch einmal, wie z. B. der Stadtkanonier. Es kam aber auch noch – allerdings in etwas verkleinerter Ausgabe – der Dienstmann Muck mit dem roten Zinken, um Streiche aus Alt-Heidelberg zu erzählen, als er noch beim Kochenburger stand, dene Herre Studente Gänge besorgte und sich als „Quartalssäufer“ (alle Viertelstund ein Vertele!) betätigte.
Dann „verhaftete“ die Leibwache des Perkeo einen Zwischenrufer und Meckerer aus dem Publikum (Hans Leiser), der „in der Bütt“ seine Berechtigung zu kritisieren zu beweisen wusste und sich dabei gut aus der Schlinge zog.
Hinterher kam noch einmal die Bergkapelle, die jedem Vergnügen bereitete, und ein akrobatisches Tänzerpaar (zwei turngewandte Männer) schlug seine famosen Purzelbäume. Die Altstadt aber hatte ebenfalls ihre Spezialität: Die Familie Blunz erschien mit Vater (Karl Hans Münnich), Mutter (Dietrich) und Sohn, um in unverfälschtem Heidelbergerisch zu berichten, wie es bei ihr und ihrer Nachbarschaft zugeht.
Ein letzter Redner forderte noch mehr Aktivität der Herren Elferräte, und dann ging die Hauptsitzung auf Beschluss Perkeos gegen ½ 1 Uhr zu Ende. Doch lud der Zwerg noch zur Nachsitzung in der Stadthallenwirtschaft ein.
Es war eine fröhliche Versammlung, bei der wohl ohne Zweifel die männlichen „Kanonen“ diesmal besser waren als die weiblichen und die stark die Lachlust der Besucher reizte. Und selbstverständlich sang man gemeinsame Lieder, schunkelte und stieg auf Befehl Perkeos, wenn es sein musste, auch auf die Stühle. Man kann also sehr zufrieden sein mit dieser Fremdensitzung!
Perkeo-Maskenball in der Stadthalle (vermutlich 1028)
Erster Auftritt von Perkeo Karl Klebes bei einem Perkeo-Maskenball in der Stadthalle 1928